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Berichte der EU-DrogenbeobachtungsstelleMeldung vom 14. Oktober 2002
Vorwort Unserem Jahresbericht 2002 ist zu entnehmen, wie schwierig es ist, „die europäische Drogenproblematik” in einer einzigen Aussage zu erfassen, da sie sich unter zahlreichen Facetten darstellt. Die Trends und die Höhe des Konsums illegaler Drogen sind je nach Land und Region verschieden, und dasselbe gilt auch für dessen verschiedene Aspekte und Folgen. Berücksichtigt man lediglich die einzelstaatlichen Durchschnittswerte, werden verschiedene Trends auf regionaler oder lokaler Ebene verschleiert. Allgemein entsteht jedoch jetzt eher der Eindruck einer gleich bleibenden „endemischen” Drogenkonsumsituation, wobei die Raten der Einsteiger und Aussteiger konstant bleiben. In diesem Sinne hat sich die Situation im Vergleich zu den 80er Jahren und der ersten Hälfte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts geändert; damals hatte der Anstieg des Drogenkonsums und der sich aus ihm ergebenden Probleme in vielen Ländern der Europäischen Union extreme, ja epidemische Formen angenommen. Die Probleme im Zusammenhang mit Cannabis und Kokain sind gegenwärtig wohl in der Zunahme begriffen, wenngleich langfristig gesehen der Cannabiskonsums sich in einigen Ländern nunmehr auf einem – zum Teil sehr unterschiedlichen – Stand einzupendeln scheint. Was den problematischen Drogenkonsum betrifft, so haben sieben von 15 Ländern ihre Schätzungen nach oben hin korrigiert, was auf einen gewissen Anstieg schließen lässt, obschon die meisten Länder zugleich über eine relative Stabilität berichten. Insgesamt gesehen scheint die HIV-Prävalenz auf demselben Stand zu bleiben, doch ist dieser in den einzelnen Ländern sehr verschieden, und in manchen Regionen und Untergruppen von injizierenden Drogenkonsumenten sind erhebliche Zuwächse zu beobachten. Die Anzahl der drogenbedingten Todesfälle scheint nun auf gleichem Stand zu bleiben, in den verschiedenen Ländern sind jedoch abweichende Tendenzen zu beobachten. Im Allgemeinen scheint der Preis der meisten Drogen stabil zu sein oder gar zu sinken. Aber selbst wenn es den Anschein hat, dass „die Drogenproblematik” in der Europäischen Union nun bis zu einem gewissen Grad eingedämmt worden ist, besteht keineswegs Grund zur Selbstgefälligkeit. Denn die Zahl der Drogenkonsumenten mit problematischen Konsummustern wird auf zwei bis neun je 1 000 Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren geschätzt. In manchen Gebieten sind über 25 % der injizierenden Drogenkonsumenten mit dem HIV-Virus infiziert, und auch die HCV-Prävalenz ist weiterhin extrem hoch (40 bis 90 %). Alljährlich werden 7 000 bis 8 000 akute Drogentodesfälle verzeichnet und diese Zahl nimmt, wie mit Besorgnis festgestellt wird, in einigen Ländern zu, in denen früher gleich bleibende oder fallende Tendenzen beobachtet worden waren. Das Sterberisiko liegt bei Opiatkonsumenten fast 20-mal höher als bei Gleichaltrigen, die keine Drogen konsumieren. Zwar haben mehr Drogenabhängige eine Behandlung aufgenommen, es gibt jedoch eindeutig zu wenig Behandlungsplätze, vor allem in Haftanstalten, auch wenn die Behandlungskapazitäten aufgestockt werden. Daher ist es von größter Bedeutung, dass die Bemühungen auf politischer Ebene, das Drogenproblem in den Griff zu bekommen, fortgesetzt wenn nicht gar verstärkt werden. Immerhin zeichnet sich ein größerer Konsens ab, was die Maßnahmen zur Bekämpfung der wichtigsten Probleme betrifft, und diese erweisen sich zunehmend als wirksam. So wird zum Beispiel weithin eingeräumt, dass sich die niedrigschwelligen Dienste bewährt haben und dass es wichtig ist, steriles Spritzenbesteck zur Verfügung zu stellen, um die auf dem Blutwege übertragbaren Infektionskrankheiten zurückzudrängen. Die Schutzwirkung von Methadon-Erhaltungsprogrammen im Sinne einer Reduzierung der Mortalitäts- und der Morbiditätsziffern, der Wert freiwilliger Therapien ohne medikamentöse Unterstützung und die Rolle von medikamentengestützten Therapien zur Reduzierung des Konsums illegaler Drogen, des riskanten Konsumverhaltens und der Kriminalität werden mittlerweile weithin anerkannt. Diese breite Anerkennung des Wertes solcher Maßnahmen ist vielleicht ein Faktor, der zu der relativen Konvergenz der grundsätzlichen Einstellungen der öffentlichen Dienststellen auf dem Gebiet der Prävention und der Behandlung in der Europäischen Union beiträgt. Dabei ist zu bedenken, dass diese insbesondere auf dem sozialen Sektor und dem Gesundheitssektor zu beobachtende Konvergenz keineswegs in allen Ländern gleich stark ist; beispielsweise wird der Nadelaustausch in manchen Ländern weitaus stärker praktiziert als in anderen. Selbst innerhalb eines Landes kommt nicht unbedingt überall der gleiche Ansatz zur Anwendung; so kann die Substitutionsbehandlung zum Beispiel in Behandlungszentren weithin verfügbar sein, aber weit weniger in den Haftanstalten angeboten werden. Nichtsdestoweniger werden durch den politischen und gesetzgeberischen Ansatz auf einzelstaatlicher Ebene zunehmend gleich geartete soziale und gesundheitspolitische Maßnahmen gefördert. In vielen Ländern wird die Entwicklung auf gesetzgeberischem Gebiet auf einzelne Substanzen abgestellt, unabhängig davon, welcher rechtliche Status diesen eingeräumt wird, um stärker zwischen Drogenkonsumenten und Drogendelinquenten zu unterscheiden, um die Geldstrafen für den persönlichen Konsum bzw. den Besitz von Cannabis zu verringern oder abzuschaffen und um den Rechtsrahmen für die Substitutionsbehandlung zu stärken. Auf dem Gebiet der Prävention konzentrieren sich die Bemühungen darauf, die Qualität der Maßnahmen durch die Einführung nationaler Standards und Anerkennungsverfahren sicherzustellen. In der Europäischen Union zeichnet sich eine immer einheitlichere Tendenz zu größerer Effizienz und Wirksamkeit bei der fortlaufenden Bekämpfung des Drogenproblems ab, die einerseits auf eine Reduzierung der Morbidität, der Mortalität, der Stigmatisierung und der sozialen Ausgrenzung von Drogenkonsumenten mit problematischen Konsummustern abzielt, andererseits bemüht ist, den anderen Drogenkonsumenten eine wahrheitsgetreue Aufklärung über potenzielle Risiken anzubieten. Diese stärkeren und einheitlicheren Abhilfemaßnahmen sind ein Ausdruck der hohen Priorität, die der Bekämpfung des Drogenproblems von den europäischen Bürgern beigemessen wird. Ich bin zuversichtlich, dass dieser Jahresbericht 2002 einen bedeutenden Beitrag zur Schaffung einer wissenschaftlich fundierten Grundlage für gesunde politische Grundsatzentscheidungen und strategische Planung auf einzelstaatlicher und lokaler Ebene wie auch auf europäischer Ebene darstellen wird. Georges Estievenart Direktor |
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