Esstörungen: Anorexia nervosa
Die Anorexia nervosa ist laut
ICD-10, „durch einen absichtlich herbeigeführten oder aufrechterhaltenden Gewichtsverlust“ charakterisiert. Dies geschieht in der Regel durch das Vermeiden kalorienreicher Nahrung, die Einnahme von Appetitzüglern, Abführ- oder Entwässerungsmitteln. Die Gewichtsreduktion kann auch durch übertriebene körperliche Aktivität gekennzeichnet sein. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen zu beobachten. Jungen und Männer sind genauso wie Kinder vor der Pubertät und ältere Frauen weniger davon betroffen. Es besteht eine Störung des „Körperschemas“ in Form der übermächtigen Idee, zu dick zu sein oder zu dick zu werden. Bei Frauen findet sich in der Regel ein Ausbleiben der Menstruation, bei betroffenen Männern ein Verlust von Libido und Potenz.

Fragwürdiges Schönheitsideal: Insbesondere bei Models wird eine übertrieben dünne Figur angestrebt. Ein Trend, der sich hoffentlich in den nächsten Jahren wandeln wird. Fotos: unbekannt
Da die klinischen Merkmale des Syndroms leicht zu erkennen sind, kann eine zuverlässige Diagnose im allgemeinen recht schnell gestellt werden. Liegt das gemessene Körpergewicht mindestens 15 Prozent unter der Norm, bzw. liegt der Body-Maß-Index (Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch die quadrierte Körpergröße in Metern) unter 17,5, dann liegt eine Anorexia nervosa vor. Ausschlusskriterien sind: somatische Ursachen des Gewichtsverlustes, z.B. Tumor- oder Magen-Darmerkrankungen.
Die Anorexia beginnt in der Regel zwischen dem 14. und dem 18. Lebensjahr, bei Mädchen häufig nach Auftreten der ersten Menstruation. Bei etwa 25 Prozent der Betroffenen dauert die Störung mehr als zwei Jahre. Die anderen sollen in kürzerer Zeit wieder ihr normales Gewicht erreichen.
Man muss allerdings damit rechnen, dass etwa 5 Prozent, nach anderen Quellen sogar 18 Prozent, an den Folgen der Anorexia sterben. Todesursachen sind vor allen Dingen Schädigungen der Nieren, Elektrolytstörungen, kardiale Komplikationen, Folgen der Auszehrung, aber auch massive Schädigungen des Magen-Darm-Traktes. Auch Suizide sind häufig. Tritt die Erkrankung vor der Pubertät ein, so sind die Reifevorausetzungen gehemmt (Verzögerung oder Ausbleiben der Regelblutung, fehlende Brustentwicklung bei Mädchen, schwache Ausbildung der Genitalien bei Jungen, Wachstumsstopp).
Das Thema „Essen“ beschäftigt die Betroffenen in ganz besonderem Maße: Unter anderem werden stundenlang Kochbücher gelesen, Rezepte auswendiggelernt, Freunde oder die Familie bekocht. Das Essen an sich läuft häufig nach ganz bestimmten Ritualen ab. So werden kleinste Mengen beispielsweise in kaum sehbare Stückchen zerlegt und mit einem kleinen Löffel gegessen. Das Essen wird immer nur an einem bestimmten Platz, zu bestimmten Uhrzeiten eingenommen, häufig findet man auf dem Tisch eine Waage, die dazu dient, die eingenommene Essensmenge auf das Gramm genau abzuwiegen.
Psychologische Theorien gibt es natürlich wieder viele, dennoch fehlt bis heute eine schulenübergreifende eindeutige Klärung der Entstehungsbedingungen der Erkrankung. Durchaus einleuchtend, wenn auch bis heute nicht bewiesen ist die Annahme, dass die durch die Anorexia ausbleibende Ausbildung weiblicher Körperformen und die durch das Hungern unterdrückte Menstruation sich als Ablehnung der weiblichen Rolle deuten lässt.
Recht bekannt ist Annahme einer Ich-Schwäche. Hier wird davon ausgegangen, dass die anorektischen Patienten in der Kindheit nicht gelernt haben, eigene Bedürfnisse zu entwickeln, zu äußern, zu leben. Ferner wurde nicht gelernt, Körpersignale richtig zu deuten (Was ist dick? Was ist dünn?). Dies wird als Folge einer Erziehung gesehen, bei der dem Kind praktisch die Interessen der Eltern übergestülpt wurden. Der Versuch der Gewichtskontrolle ist daher als Versuch zu sehen, wenigsten über das Körpergewicht eigene Kontrolle ausüben zu können.
Der familientheoretische Ansatz geht davon aus, dass in Familien essgestörter unangemessene Verstrickungen existieren und zwar in der Form, dass jeder in übertriebener Weise um das Wohlergehen der anderen besorgt sei. Damit es in der Phase des Heranwachsens nicht zu dere üblichen Lösung der Beziehungsmuster kommt, wird die Essstörung ausgebildet.
Hauptbehandlungziel bei anorektischen Patienten ist die Gewichtszunahme. Dies ist bei akutem Verlauf häufig nur noch durch einen stationären Aufenthalt mit Sondenernährung und Infusiontherapie zu erreichen. In der längerfristigen Behandlung hat sich auch der Einsatz von Antidepressiva bewährt. In den weiterführenden psychotherapeutischen Interventionen wird es immer darum gehen, das Selbstbild zu stärken und dahingehend zu verändern, dass sich die Einstellung zu Gewicht und Körperformen verändert.
Stand: Juli 2006
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