Zusammenfassung der Ergebnisse
Drogenambulanz für Jugendliche, junge Erwachsene und deren Familien, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Die vorliegende Studie verfolgt die Frage, welche psychiatrischen, neurologischen und internistischen Gesundheitsschäden die synthetische Droge
Ecstasy am Menschen hervorruft und ferner,
ob diese Schäden mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und Neurosen-Strukturen der Konsumenten zusammenhängen.
Im Rahmen einer kontrollierten, naturalistischen Querschnittstudie wurden unter anderen psychiatrische, psychologische, neurologische, internistische und nuklearmedizinische Untersuchungsverfahren eingesetzt.
Die Untersuchungsphase erstreckte sich über einen Zeitraum von 21 Monaten.
Insgesamt wurden 107 Ecstasykonsumenten und 52 Kontrollgruppenprobanden (Probanden = Testperson) untersucht.
In die Untersuchungsgruppe wurden Probanden aufgenommen, die durch direkte Ansprache auf Techno-Veranstaltungen und in Diskotheken angeworben wurden. Die beiden Kontrollgruppen setzen sich aus drogenabstinenten Gleichaltrigen mit ähnlichen Umweltbelastungen zusammen und aus Probanden, die in ihrem polytoxikomanen Drogengebrauchsmuster
(polytoxikoman = von mehreren Drogen abhängig) keine Methamphetamin-
Derivate aufweisen.
Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass das Ausmaß an drogeninduzierten (von Drogen ausgelösten) psychischen Störungen bei Ecstasykonsumenten außerordentlich hoch ist. Mehr als ein Viertel der Ecstasykonsumenten wies in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine durch psychotrope Substanzen bedingte psychotische Störung mit Halluzinationen, Personenverkennungen, Wahn, Beziehungsideen und psychomotorischen Störungen
auf.
(Beziehungsideen = Betroffene oft das Gefühl, die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen und Geschehnisse in der Umwelt bedeutungsvoll zu sich in Beziehung zu setzen.)
Auf den Konsum von Ecstasy ließen sich die psychotischen Störungen von acht Prozent der Ecstasykonsumenten
zurückführen, bei weiteren acht Prozent auf den Konsum von
Halluzinogenen und bei 14 Prozent auf multiplen Substanzgebrauch (multiple = mehrfach). Im Konsummustervergleich zeigte sich,
dass die Dauerkonsumenten von Ecstasy signifikant häufiger durch psychotische Störungen beeinträchtigt sind (49 Prozent) als Gelegenheitskonsumenten (22 Prozent) und Probierkonsumenten (0 Prozent).
Drogeninduzierte „Restzustände“ und verzögert auftretende psychotische Störungen, welche definitionsgemäß wenige Tage nach der Drogeneinnahme spontan remittieren (remittieren = zurückkehren), wurden bei 68 Prozent der Ecstasykonsumenten diagnostiziert. Hierzu gehören kognitive Störungen, affektive Zustandsbilder, Nachhallzustände, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, demenzielle Zustandsbilder und verzögert auftretende psychotische Störungen. Im Konsummustervergleich imponiert wiederum der hohe Anteil betroffener Dauerkonsumenten.
Drei Viertel der Dauerkonsumenten haben mindestens eine Diagnose in der Kategorie „Restzustände“. Diese waren bei 76 Prozent der Dauerkonsumenten durch Ecstasy induziert worden. Bei den Gelegenheitskonsumenten, die insgesamt zu 68 Prozent mindestens eine Diagnose in dieser Kategorie aufwiesen, waren derartige Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit der Einnahme von Ecstasy (40 Prozent), multiplem Substanzgebrauch (18 Prozent)
oder
Cannabis-Konsum (7 Prozent) aufgetreten.
Weiterhin ergaben sich aus den Studienergebnissen vielfältige Hinweise für das neurotoxische Potential der Droge Ecstasy, und zwar aus klinischer, neuropsychologischer, neurophysiologischer und nuklearmedizinischer Sicht:
Ein amnestisches Syndrom (amnestisch = die Amnesie betreffend, Amnesie = Erinnerungsverlust), gekennzeichnet durch Kurzzeitgedächtnisstörungen in einem das alltägliche Leben beeinträchtigenden Ausmaß, wurde bei 37 Prozent der Ecstasykonsumenten diagnostiziert. In der Gruppe der schweren Ecstasykonsumenten (Konsumenten mit kumulierter (häufiger) Ecstasydosis von 500-2500 Tabletten) sind 60 Prozent betroffen.
In der neuropsychologischen Untersuchung ergaben sich bei sämtlichen für das Arbeits-, Kurzzeit- und mittelfristige Gedächtnis relevanten Testparametern signifikante Ergebnisse. Die Befunde weisen eine starke und lineare
Abhängigkeit von der kumulierten Ecstasydosis auf.
Weitere durch Ecstasy bedingte Leistungseinschränkungen bestehen für die Exekutivfunktionen (frontalhirn-sensitive Tests) und die psychomotorische Geschwindigkeit, die generell stark alterskorreliert (altersabhängig) ist.
In der statistischen Aufbereitung der neuropsychologischen Untersuchungsbefunde ließ sich die differenzielle Drogenwirkung, speziell der durch Ecstasy bedingte Einfluss auf neurokognitive Parameter (Wahrnehmen, Denken, Erkennen betreffend), gegen die Wirkung konkurrierender Drogen absichern.
Soziodemographische Unterschiede wurden ohne erhebliche Rückwirkungen auf den Gruppenvergleich auspartialisiert.
(Die Elektroenzephalografie EEG ist eine Methode der medizinischen Diagnostik zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns. Das Elektroenzephalogramm EEG ist die graphische Darstellung dieser Schwankungen.)
In der qualitativen Auswertung der mehrstufigen elektroencephalographischen (EEG-) Grunduntersuchung zeigten sich bei den Ecstasykonsumenten gehäuft Zeichen einer über die Norm hinaus gehenden Vigilanzminderung (Vigilanz = Reaktion, Aufmerksamkeit). Darüber hinaus konnte mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) gezeigt werden, dass Ecstasykonsum zu signifikant alterierter (veränderter) lokaler Gehirnaktivität führt.
Bei den Ecstasykonsumenten war der FDG-Uptake (FDG = verwendet in der Positronen-Emissions-Tomografie, PET) im Vergleich zu den Kontrollen in allen untersuchten Gebieten erniedrigt (Ausnahme: Brodman area 10).
In Putamen (gehört zum Kerngebieten des Großhirns), Nucleus caudatus (Gebiet im Endhirn, für die Kontrolle willkürlicher Bewegungen mitverantwortlich.) und Amygdala (Teil des Gehirns, beteiligt bei der Entstehung der Angst) war die Differenz in beiden Hemisphären (Hirnhälften) statistisch signifikant (anschaulich sichtbar) bzw. tendenziell statistisch signifikant und lag bei 3-4 Prozent.
Die Möglichkeit von bleibenden Beeinträchtigungen der Gehirnaktivität durch Ecstasykonsum kann vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse nicht ausgeschlossen werden.
Die in der Fachliteratur kasuistisch erwähnten neurologischen und internistischen Komplikationen und Folgeerkrankungen durch Ecstasykonsum ließen sich demgegenüber in unserer Studie nicht verifizieren.
Die Ergebnisse der persönlichkeitspsychologischen und psychodynamischen Untersuchungen belegen signifikante persönlichkeitsstrukturelle Entwicklungs- und Identitätsstörungen bei den schweren Ecstasykonsumenten. Zusammenhänge zwischen persönlichkeitspsychologischen und psychodynamischen Befunden einerseits und psychiatrischen und neurologischen Syndromen andererseits ergeben sich insofern, als in multivariaten Analysen, die den Unterschied zwischen Ecstasykonsumenten und Nichtkonsumenten erklären, jene Variablen imponieren, die signifikante psychiatrisch-psychologische und neurologische Störungen der Ecstasy-Abhängigen treffend beschreiben: Paranoidität (Paranoia heißt wörtlich „neben dem Verstand“), Mangel an Selbstwahrnehmung sowie an Freundschaften mit Personen des anderen Geschlechts und an sozialer Unterstützung, Mängel im Kurzzeitgedächtnis und Mangel an den Aminosäuren Phosphoserin und Methionin im Serum (Serum = Blutbestandteil).
Die Ecstasyabhängigen weisen einen starken Leidensdruck auf und schätzen den Stellenwert psychotherapeutischer und körperlicher Behandlungen vergleichsweise hoch ein. Berücksichtigt man ferner, dass die Ecstasyabhängigen gute Voraussetzungen hinsichtlich ihrer Compliance (Einhaltung von Verhaltensmaßregeln) und Einsichtsfähigkeit für psychodynamische Zusammenhänge mitbringen, so ist zu schlussfolgern, dass viel öfter als bisher bei Jungerwachsenen, die eine Abhängigkeit von Ecstasy (oder anderen stimulierenden Drogen) entwickelt haben, geprüft werden muss, ob eine Psychotherapie-Indikation vorliegt.
Die Studienergebnisse werden limitiert (begrebzt) durch Selbstselektionseffekte der Stichprobe (Ausfall manifest erkrankter Ecstasykonsumenten, abweichendes Drogenkonsummuster in der Kontrollgruppe) und begrenzte Validierungsmöglichkeiten (Prüfungsmöglichkeiten) der Selbstauskunft zum Drogenkonsum.
Im Hinblick auf Verlaufsaspekte ist unsere Querschnittstudie nur sehr begrenzt aussagekräftig. Darüber hinaus ergeben sich für die Interpretation der Ergebnisse Begrenzungen durch die den eingesetzten Methoden inhärenten (inhärent = anhaften) Limitstationen.
Zusammenfassend dürfte mit unserer Studie erstmalig an einer hinreichend repräsentativen Stichprobe der Beleg für das hohe neurotoxische Potential der Droge Ecstasy mitsamt dessen klinischen Auswirkungen im psychiatrischen und neurokognitiven Bereich gelungen sein. Der Frage nach der Reversibilität (Reversibilität = Umkehrbarkeit) der eingetretenen Störungen muss in weiterführenden, längsschnittlich angelegten Studien nachgegangen werden.
Der vollständige Studienbericht ist bei der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2000 erschienen.
Rainer Thomasius (Herausgeber)
Stand: Juli 2006
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