Inhalt
Kein Opium fürs Volk
Meldung vom 23. Januar 2003
Wissenschaftler untersuchen Alternativen zum Drogenanbau

Auf fast 500 Milliarden US-Dollar taxieren Experten den weltweiten Drogenumsatz - trotz aller Versuche, Anbau, Vertrieb und
Konsum zu unterbinden. Hufig ist es die Sorge um ihre schiere Existenz, die die Bauern in den Erzeugerlndern in das schmutzige Geschft mit Koka oder Opium treibt. Wissenschaftler der Universität Bonn untersuchen, wie Alternativen zum Drogenanbau aussehen knnten, und haben dabei auch Hilfsprojekte in Kolumbien und Bolivien unter die Lupe genommen. Ihr Fazit fllt ernchternd aus - bei allen positiven Anstzen.
In Bolivien hat die Regierung 1989 das "Coca Cero"-Programm ins Leben gerufen. Seitdem ist die Anbauflche in der Region Chapare um mehr als 70 Prozent zurückgegangen - allerdings zu einem hohen kologischen Preis. "Die illegalen Kulturen werden von der Luft aus mit dem Herbizid Glyphosate besprht und abgettet", erklrt Professor Dr. Jrgen Pohlan, der sich seit 1999 mit dem Problem "Koka-Anbau" beschftigt. Um nicht von der Guerilla abgeschossen zu werden, mssen die Flieger ihre Chemie-Fracht aus groer Hhe abladen - entsprechend viel geht da schon mal daneben. Der Wind verteilt die giftige Ladung noch zustzlich, so dass schlielich auch legale Kulturen leiden oder sogar Drfer betroffen sind. "In den Flssen sterben die Fische, die Menschen werden krank und ziehen davon", so Professor Pohlan. "Die Konsequenz ist nur, dass sich die Koka-Bauern neue, schwerer zugngliche Gebiete suchen, zum Beispiel in den Regenwldern oder im Gebirge." Durch Brandrodung und den enormen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in den illegalen Plantagen seien so in den letzten Jahren immer mehr intakte kosysteme dem Drogenanbau zum Opfer gefallen. Ein Verbot allein sei daher keine Lösung. "In Kolumbien entstehen trotz des Verbots jhrlich genauso viele Hektar neue Kokafelder, wie die Regierung aufsprt und vernichtet." Zum kologischen gesellt sich das soziale Desaster: "Die Koka-Produktion hat fatale Konsequenzen für den Gemeinsinn", erklrt der Agrarwissenschaftler. "Profit geht über Moral; die Bevlkerung ganzer Landstriche wird kriminalisiert; dadurch steigt nicht zuletzt die Gewaltbereitschaft."
Mauricio Cely ist Absolvent des internationalen Magisterstudiengangs "ARTS" (Agricultural Science and Resource Management in the Tropics and Subtropics); in seiner Abschlussarbeit hat er das nationale Programm "PLANTE" unter die Lupe genommen, mit der die Regierung Kolumbiens seit 1995 versucht, den illegalen Drogenanbau in den Griff zu bekommen. Mit geringem Erfolg: Zwar ist die Anbauflche für Schlafmohn seit 1992 auf ein knappes Drittel zurückgegangen, in der selben Zeitspanne hat sich aber die Anbauflche für Koka mehr als vervierfacht - auf 145.000 Hektar, eine Flche fast dreimal so gro wie der Bodensee. Dabei ist es eines der Hauptziele von PLANTE, den Anbau alternativer Kulturen zu fördern. In Schulungen propagieren Mitarbeiter die Kultivierung von Andenbrombeere oder Quito-Orange, die Vergabe gnstiger Kredite soll den Bauern den Umstieg erleichtern. Doch die Produktion eines Kilos Baumtomaten verursacht etwa doppelt so hohe Kosten wie die der gleichen Menge Schlafmohn - bei deutlich niedrigerem Gewinn.

Es gbe durchaus wirtschaftliche Alternativen zu Koka und Opium - beispielsweise der Anbau von Pfeffer. ARTS-Absolvent Juan Carlos Torrico Albino hat 328 Familien im bolivianischen Chapare untersucht. Lediglich 45 bauten Pfeffer an - trotz der hohen Erlse. "Die meisten Bauern knnen schon die Eingangsinvestitionen von umgerechnet rund 3.000 Euro je Hektar nicht aufbringen, die der Einstieg in die Pfefferproduktion erfordert", erklrt Albino. Auerdem ist Koka weitaus leichter anzubauen als die Gewrzpflanze. "Fr Pfeffer braucht man viel Know-how und qualifizierte Arbeitskrfte." Er fordert daher - neben gnstigen Krediten für die Landwirte - vor allem kurze, praxisorientierte Ausbildungskurse. "Die Landbewohner mssen lernen, effizienter zu produzieren."
"Wir haben uns an billige und qualitativ hochwertige Lebensmittel gewhnt", beklagt Professor Pohlan den Preisverfall für Agrarprodukte auf den Weltmrkten, der nicht zuletzt durch die Subventionspolitik der "Erste-Welt-Lnder" angetrieben wird. "Das passt nicht zusammen." Letztlich glaubt er aber nicht, dass die wirtschaftliche Not, die viele Landwirte in den Drogenanbau treibt, allein durch agrarpolitische Maßnahmen in den Griff zu bekommen ist. "Eine der wichtigsten Maßnahmen wird es in Zukunft sein, die Industrialisierung der Stdte voranzutreiben."
Ansprechpartner:
Professor Dr. Jrgen Pohlan
Institut für Obst- und Gemsebau der Universität Bonn
E-Mail: drjpohlan@excite.com
oder Professor Dr. Marc Janssens
Tel.: 02236/379815
Quelle: Uni Bonn
Themenverzeichnis:
- Sie sind hier
- Archiv
- Gesamtarchiv
- Kein Opium fürs Volk
Gastronomie und Hotellerie
Weitere Angobote
Suchen
Optionen und Hilfe
Sprachen
© 1998-2012 Ein Netzdienst von jugend hilft jugend Hamburg